Objekt des Monats – November 2014

Tanz nach dem Krieg

aus den Kunstgeschichtlichen Sammlungen

Wie ein hysterisch-ekstatisches Wimmelbild grotesk deformierter Figuren erscheint der Holzschnitt "Tanz nach dem Krieg", den der rheinland-pfälzische Künstler Johann Georg Müller (1913-1986) einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schuf. Er gehört heute zur Grafik-Sammlung im Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft (IKM) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Johann Georg Müller, Tanz nach dem Krieg (© Servicezentrum Digitalisierung und Fotodokumentation, Universitätsbibliothek Mainz)

Müllers Darstellung einer dynamisierten Masse an Gliederpuppen aus groben Umrissen und Schraffuren lässt keine Individualisierung zu. Wenig Konkretes lässt sich bestimmen. Hier ein geigenförmiges Instrument, dort vielleicht eine stilisierte Lampe, ein Rock, ein Hut. Die geschwungenen oder kantigen Körper zerfallen in Gestaltungsmuster, so dass kaum eine menschliche Figur zur Gänze erkennbar wird, da sie mit ihrer Umgebung strukturell verschmilzt. Die Gesichter sind roh behandelt, assoziieren Totenschädel und maskenhafte Fratzen, die aus dem Bild herausstarren. Stilistisch knüpft die Grafik an künstlerische Ausdrucksformen der 1920er-Jahre an, wie sie zum Beispiel Otto Dix (1891-1969) und mehr noch George Grosz (1893-1959) entwickelten. Das Blatt trägt das Künstlermonogramm J.G.M und die Datierung 2.49 (Februar 1949). Die römische Zahl V steht vermutlich für den fünften Abzug vom Druckstock. Die Druckgrafik war nach dem Krieg eine sehr beliebte Kunstform. Zum einen waren die benötigten Materialien wie Holz, Farbe und Papier noch relativ leicht zu bekommen, während Leinwand oder Ölfarben außerordentlich rar waren. Zum anderen konnten Drucke günstig produziert und nach Bedarf vervielfältigt werden, wodurch sie für den damals äußerst finanzschwachen Kunstmarkt interessanter und gewinnbringender waren als kostbare Ölgemälde.

Johann Georg Müller gehörte zu jener Künstlergeneration, deren künstlerisches Schaffen sich erst nach dem Nationalsozialismus entfalten konnte und dies dann auch geradezu eruptiv tat. Am 17. November 1913 in Ludwigshafen als Sohn eines Architekten geboren, drängte sein Vater ihn zu einem Studium des Bauingenieurwesens, das er jedoch 1935 abbrach, um sich dem Kunststudium in München und Mannheim zuzuwenden. Nach eigenen Angaben war er von 1937 an freischaffend tätig, wurde aber 1938 mit einem Ausstellungsverbot belegt. Wenn letzteres zutrifft, war dieses möglicherweise damit begründet, dass er sich schon damals künstlerJohann Georg Müller in seinem Atelier 1970, im Hintergrund 'Pflanzen am Meer', 1965' (Foto: Hans-Günter Weber)isch mit Werken der Neuen Sachlichkeit auseinandersetzte, wie seine wenigen erhaltenen Arbeiten dieser Jahre nahelegen. Durch die namensgebende Mannheimer Ausstellung von 1925 wirkte die Kunst der Neuen Sachlichkeit nachhaltig in der Region. Müller studierte bei Albert Henselmann (1890-1974), einem wichtigen Mannheimer Vertreter der Neuen Sachlichkeit, und erhielt durch ihn seine entscheidende künstlerische Prägung. Nach dem Nationalsozialismus knüpfte Müller hieran an, wie die Mainzer Grafik verdeutlicht.

1939 ging Müller nach Paris, wo er Zeichenunterricht an der Académie Julian erhielt, bevor er bis 1945 als Soldat der Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teilnahm. Nach Kriegsende gehörte er zu den ersten, die 1950 durch das neu gegründete Bundesland Rheinland-Pfalz mit einem einjährigen Stipendium gefördert wurden. Mit diesem Stipendienprogramm, für das Atelierwohnungen im Koblenzer Künstlerhaus auf dem Asterstein eingerichtet wurden, reagierte man auf die äußerst prekäre Arbeitssituation vieler freischaffender Künstler in der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit. Die Unterstützung des Landes bot Müller die notwendige Grundlage, um sich wieder der Malerei zuzuwenden. 1956 erhielt er den Pfalzpreis für Malerei. Bis zu seinem Lebensende wohnte und arbeitete er im Künstlerhaus Asterstein.

Die Grafik "Tanz nach dem Krieg" ist ein charakteristisches Werk Müllers der Nachkriegszeit. Damit gehörte er zu jenen Künstlern, die sich schon früh in ihren Arbeiten mit ihrem Kriegstrauma auseinandersetzten und diese den gleichfalls Betroffenen zur Rezeption anboten. Motive und Themen von Gewalt und Zerstörung blieben auch später ein fester Bestandteil in seinem Œuvre. Müller war nach dem Krieg ein Newcomer in der Kunstszene, doch gelang es ihm, eine besondere Aufmerksamkeit auf seine ausdrucksstarken Druckgrafiken zu ziehen. Selbst die kleine Sammlung im IKM besitzt noch sechs weitere seiner Arbeiten aus jenen Jahren.

Die Sammlung entstand mit der Gründung des kunsthistorischen Instituts im Jahr 1946. Sie enthält Reproduktionsgrafiken, Faksimiles und Originale aus den letzten drei Jahrhunderten, die bis in die 1970er-Jahre hinein zusammengetragen wurden. Einige sind Zeichnungen, den überwiegenden Teil der Sammlung aber machen Druckwerke aus, darunter Stiche, Radierungen, Holzschnitte, Lithographien, Serigraphien – ein bunter Strauß verschiedener Techniken, wie er für eine Studiensammlung, die in der Lehre eingesetzt wird, nützlich ist. Mitunter lassen sich über die Technik hinaus weitere Sammlungsaspekte erkennen: So gehört Müllers "Tanz" zu einer Gruppe an Originaldrucken aus den ersten Nachkriegsjahren, die von Künstlern der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler (APK) stammen. Die APK wurde 1922 ins Leben gerufen, aber bereits 1933 durch die Nationalsozialisten aufgelöst. 1948 wurde sie wieder aufgebaut, u.a. als Ergänzung zur 1946 gegründeten "Pfälzer Sezession", deren Mitgliedschaft sich damals auf wenige beschränkte. Die APK wuchs schnell zur mitgliederstärksten Interessensgemeinschaft im Pfälzer Raum an und betrieb zeitweise eine eigene Hauspresse, durch die graphische Blätter der Mitglieder vertrieben wurden. Hierfür warb man um einen Freundeskreis, an dessen Mitglieder man die Werke günstig aber regelmäßig abgab, um so die Künstler finanziell zu unterstützen. Auch Johann Georg Müller war Mitglied der APK und bediente sich der Hauspresse.

Der Lehrkörper des Instituts für Kunstgeschichte nahm in der Nachkriegszeit aktiv Anteil an der künstlerischen Neuausrichtung der Region. Dies bezeugt auch die Jury-Mitgliedschaft von Prof. Dr. Friedrich Gerke (1900-1966) und PD Dr. Heinrich Franz (1916-2006) bei der großen Mainzer Ausstellung "Neue Deutsche Kunst" im Sommer 1947, in der über 180 Werke zeitgenössischer Künstler präsentiert wurden, die zwei Jahre zuvor noch als "entartet" gegolten hatten. Die gesammelten APK-Grafiken lassen ein spezielles Interesse an der lokalen Nachkriegskunst erkennen. Gut vorstellbar, wenn auch nicht belegt ist, dass Friedrich Gerke die Grafiken der Hauspresse gezielt für die Sammlung erwarb und damit als institutioneller Förderer der einheimischen Moderne auftrat. Die Existenz der Druckgrafiken der APK am Institut ist Ausdruck einer Wertschätzung, selbst wenn unklar ist, wie sie genau in die Sammlung gelangten.

Dr. Klaus T. Weber

 

Literatur (Auswahl)

Neue deutsche Kunst. Ausstellung, veranstaltet von der Städtischen Gemäldegalerie. Mainz 1947. (https://opac.ub.uni-mainz.de/DB=1/PPN?PPN=122127978)

Hrsg. Franz-Josef Heyen: Das Künstlerhaus auf dem Asterstein zu Koblenz. Koblenz 1987. (https://opac.ub.uni-mainz.de/DB=1/PPN?PPN=006747361)

Aufbruch nach 1945. Bildende Kunst in Rheinland-Pfalz 1945-1960. Mainz 1987. (https://opac.ub.uni-mainz.de/DB=1/PPN?PPN=102599602)

Friedrich Gerke: Das Kunstgeschichtliche Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz 1946-1955. In: Jahrbuch der Vereinigung „Freunde der Universität Mainz“, Mainz 1955, S. 58-71. (https://opac.ub.uni-mainz.de/DB=1/PPN?PPN=046840869)

Michaela Maier: Albert E. Henselmann (1890-1974). Der Weg zur Form? Diss. Heidelberg 2003 (urn:nbn:de:bsz:16-heidok-35499)

Hrsg. Werner Scholzen: Johann Georg Müller 1913-1986 Verzeichnis der Malerei und Druckgraphik. Düsseldorf 2006

Christina Runkel arbeitet seit 2013 an einer Dissertation zu Johann Georg Müller, die durch die Duisburger Schwerin-Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst unterstützt wird.