Objekt des Monats – März 2014

Preisgesang auf Dichterfürsten und Präsidenten – Lamine Kontés "Chant du Nègre… Chant du Monde…"

aus dem Archiv für die Musik Afrikas

Angesichts der jüngsten Diskussionen in Mainz um das Wort "Neger" und um das Logo einer örtlichen Dachdeckerfirma entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, als Objekt des Monats mit Lamine Kontés "Chant du Nègre… Chant du Monde…" eine Schallplatte zu wählen, die diesen heute als rassistisch empfundenen Begriff offensiv im Titel führt.

Cover des Albums 'Chant du Nègre… Chant du Monde…' von Lamine Konté

Die Schallplatte "Chant du Nègre… Chant du Monde…" aus dem Jahr 1977 präsentiert die Musik des Koraspielers Lamine Konté. Es ist Konté an der Kora, einer meist 21-saitigen Stegharfe, in einigen Stücken auch Alpha Konaté an Gitarre und Balafon, einem mit kleinen Kalebassen klanglich verstärkten Xylophon, und Jean-Claude Yegba am Saxophon zu hören. Instrumente und Melodien verweisen auf die traditionelle Musik der Manding-Völker des westafrikanischen Sahel, aber auch auf Jazz-Einflüsse aus den USA. Was diese Aufnahme aber so außergewöhnlich, ja einzigartig macht, ist Kontés Entscheidung, nicht die zu dieser Musik gehörigen Lieder zu singen, sondern Gedichte der berühmten westafrikanischen und karibischen Poeten Léopold Sédar Senghor, Aimé Césaire, Bernard Dadié und Léon-Gontran Damas zu rezitieren. Auf Seite 1 der LP finden sich die Stücke "Negritude", "Femme noire", "Etait-ce une nuit maghrébine", "La légende Baoulé", auf Seite 2 die Stücke "A New York" und "Hoquet". Das Cover der Hülle ziert ein Foto Kontés mit Kora.

Lamine Konté, in den 1940ern in Kolda im Senegal geboren, stammt aus einer Musikerdynastie, die als Griots in vorkolonialen Zeiten nicht nur für musikalische Unterhaltung, sondern als Erzähler, Diplomaten, Genealogen, Spezialisten für die oralen Geschichtstraditionen und Preissänger für die Legitimation – aber auch Kritik – der herrschenden Eliten in den Großreichen Westafrikas zuständig waren. Diese Aufgaben kamen – in unterschiedlichem Umfang – sowohl weiblichen Griottes als auch männliche Griots zu. Als die meisten Länder Westafrikas zur Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit erlangten, begrüßten die Eliten der jungen Nationen die Möglichkeit, auf diese Rolle der Griots zurückgreifen zu können, um ihre neu erlangte Position zu stärken.

Rückseite des Albums 'Chant du Nègre… Chant du Monde…' von Lamine Konté

Der erste Präsident des 1960 unabhängig gewordenen Senegal war ganz besonders an Kulturpolitik interessiert, denn hierin sah er als Intellektueller ein entscheidendes Feld, um die europäische Dominanz zurückzudrängen und nationales Selbstbewusstsein zu entwickeln. Es ging ihm hierbei aber auch um die Stärkung afrikanischer Identität und zwar nicht nur auf den Kontinent, sondern auch in der Diaspora, also insbesondere in Amerika und der Karibik. In den USA waren in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts Bewegungen entstanden, die den Begriff "Negro" positiv als Ausdruck einer neuen schwarzen kulturellen Bewegung (Harlem Renaissance, auch New Negro Movement genannt) und eines politischen Aktivismus (Universal Negro Improvement Association von Marcus Garvey) verwendeten. Diese Begrifflichkeit übernahmen Dichter aus Afrika und der Karibik, die sich im Paris der 1930er Jahre trafen und nach einem Ausdruck ihrer Gemeinsamkeit suchten und ihr schließlich den Namen Négritude gaben. Einer dieser Pariser Poeten war genau der spätere senegalesische Präsident Léopold Sédar Senghor.

In Paris lebend, sehnte Senghor in seinen Gedichten den Griot als Verbindung zum Reich der Kindheit, zum präkolonialen Afrika, als Inbegriff der Tradition herbei. Darüber hinaus fordert Senghor, der moderne afrikanische Dichter müsse als Schüler des Griot, der dessen Wortkunst imitiert und aktualisiert, wirken. Von dieser Wertschätzung vermutlich geschmeichelt, aber natürlich auch von der an der Négritude orientierten Kulturpolitik im Senegal beeinflusst, nahm der Griot Lamine Konté die Gedichte Senghors und die seiner Dichterfreunde in den 1970ern auf. Im "Negritude" betitelten Stück bildet ein Auszug aus Aimée Césaires "Cahier d’un rétour au pays natal", in dem Césaire seine Négritude als das Andere dem hellenischen Erfindergeistes Europas entgegensetzt:

"Ceux qui n’ont inventé ni la poudre ni la boussole / ceux qui n’ont jamais su dompter la vapeur ni l’électricité / ceux qui n’ont exploré ni les mers ni le ciel / mais ils savent en ses moindres recoins le pays de souffrance / ceux qui n’ont connu de voyages que de déracinements …" (Césaire 1939)
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"Jene, die nicht das Pulver erfunden haben und nicht den Kompass / jene, die nicht den Dampf bezwangen und nicht die Elektrizität / jene, die nicht die Meere erforschten und nicht den Himmel / aber bis in den hintersten Winkel das Land der Leiden kennen / jene, die nicht auf Reisen gingen, man hat sie entwurzelt …"

Es wird hier ein Bild von Afrikanern vermittelt, das wenig zu tun hat mit den historischen Erzählungen von heroischen Schlachten, außergewöhnlichen Errungenschaften oder dramatischen Migrationen, die Griots üblicherweise vortragen. Afrikaner sind in diesem Gedicht diejenigen Menschen, die – anders als Europäer – nicht erfinden, nicht reisen, nicht erobern, sondern deren Beitrag zum Menschengeschlecht ihr poetisches, musikalisches, spirituelles Gespür ist. Es überrascht kaum, dass diese von Dichtern der Négritude verbreitete Darstellung bald als Reproduktion westlicher Stereotypen vom der Tradition verhafteten, unbeweglichen Afrikaner kritisiert wurde – und als historisch schlicht unkorrekt. Zudem wurden sich Menschen zusehends bewusst, wie wenig die Begriffe "Négre", "Negro" oder "Neger" von den rassistischen, dehumanisierenden Konnotationen ihrer Entstehungskontexte auf den Sklavenplantagen der Amerikas zu trennen waren. Daher haben sich mit der Black Power-Bewegung der 1960er und der wachsenden Zuwendung der afrikanischen Diaspora zum Herkunftskontinent je nach Kontext "Black" oder "African-American", im deutschsprachigen Raum dann "Schwarz" oder "Afrodeutsch" durchgesetzt. Natürlich ging auch die Musikindustrie mit der Zeit und die Neuveröffentlichung von Titeln dieser und einer anderen LP als CD im Jahre 1989 trägt den schlichten und weniger anstößigen Titel "La Kora du Sénégal".

Konte blieb auch nach dem Tod Senghors und dem Ende der nunmehr nur noch historisch relevanten Négritude-Bewegung weiterhin musikalisch aktiv. Bis zu seinem Tod im Dezember 2007 lebte er in Paris, wo er regelmäßig konzertierte und auch weitere Alben herausgab.

Dr. Hauke Dorsch

 

Literatur (Auswahl)

Arndt, Susan und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Münster

Césaire, Aimé (1939): Cahier d’un retour au pays natal. Paris

Césaire, Aimé (1962): Zurück ins Land der Geburt. Frankfurt/Main

Dorsch, Hauke (2000): Afrikanische Diaspora und Black Atlantic – Einführung in Geschichte und aktuelle Diskussion. Münster

Dorsch, Hauke (2006): Globale Griots – Performanz in der afrikanischen Diaspora. Münster

Hale, Thomas A. (1999): Griots and Griottes – Masters of Words and Music. Bloomington

Riesz, Janós (2006): Leopold Sedar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert. Wuppertal

Senghor, Léopold Sédar (Hg.) (1969): Anthologie de la nouvelle poésie nègre et malgache de langue française. Paris

Senghor, Léopold Sédar (2006): Botschaft und Anruf – Gedichte (Übersetzt von Janheinz Jahn). Wuppertal

Wierlemann, Sabine (2002): Political Correctness in den USA und in Deutschland, Berlin