Knotenpunkte – Universitätssammlungen und ihre Netzwerke

10. Sammlungstagung │ 7. Jahrestagung der Gesellschaft für Universitätssammlungen e. V.

13.–15. September 2018, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Einzelvorträge

Freitag, 14. September, 09:00–12:00 Uhr

1. Themenblock: Sammlungen als Objektnetzwerke

Reisende Objekte, statische Sammlungen – zirkulierendes Wissen?

Jun.-Prof. Dr. Ruth Schilling, Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven

Sammlungen stellen bewusst geschaffene räumlich konnotierte Wissensordnungen dar. Objekte in Sammlungen zeugen hingegen oft von eher kontingenten Reisegeschichten: Auf ihren Wanderungen musste die Beziehung zwischen Wissen und Objekt immer wieder neu hergestellt, verhandelt, dokumentiert werden. Bei der Rekonstruktion der Beziehung von Reisegeschichten und Sammlungsgenesen verharren wir immer noch häufig bei einem Blick auf die Akteure und schreiben damit den bewusst Sammelnden die hauptsächliche agency zu.

Der Vortrag möchte die verborgenen Reiseerfahrungen von Objekten sichtbar machen und fragen, wie und warum wir diese ernst nehmen müssen, um zu verstehen, wie die für uns häufig selbstverständlichen und nicht hinterfragten Zusammenhänge zwischen Wissensordnungen und Sammlungsgenese entstanden sind.

Ruth Schilling ist Wissenschaftliche Ausstellungs- und Forschungskoordinatorin am Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven (DSM) und Juniorprofessorin für Kommunikation museumsbezogener Wissenschaftsgeschichte an der Universität Bremen. Sie leitet u.a. die Forschungsprojekte »Wissen auf Reisen« und »Schiffsmodelle als historische Wissensspeicher« am DSM.

 

Vernetzte Objektbiographien. Provenienzforschung als Chance

Prof. Dr. Gilbert Lupfer, Deutsches Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg / Staatliche Kunstsammlungen Dresden 

Provenienzforschung befasst sich mit berühmten, teuren Gemälden. So lautet eine häufig anzutreffende Meinung. Für Universitätssammlungen würde also Provenienzforschung keine Rolle spielen, denn um die Hauptwerke der Kunstgeschichte geht es dort bekanntlich selten. Wenn man aber Provenienzforschung als Beitrag zu umfassenden Objektbiografien betrachtet, mit der Klärung des Weges eines Gegenstands – nicht nur eines Kunstwerks – von seiner Entstehung bis zu seinem heutigen Aufbewahrungsort, dann lässt sie sich auf alle Arten von Sammlungen anwenden.

Die Entstehung oder Herkunft eines Objekts dürfte bei wissenschaftlichen Sammlungen eher selten in Frage stehen, denn nur das exakte Wissen um den Ursprungsort, die Datierung und den Kontext konstituiert ja erst den Erkenntniswert beispielsweise eines naturwissenschaftlichen Präparats oder eines archäologischen Fundstücks. Den weiteren Weg aufzuklären, zu dokumentieren und mit dem Weg anderer Objekte in Verbindung zu bringen, macht die Provenienzforschung mit ihren spezifischen Methoden aber zu einem nützlichen Instrumentarium für jede wissenschaftliche Sammlung, indem sie neue Erkenntnisse zur eigenen Institutions- und Wissenschaftsgeschichte ermöglicht.

Auf diesem Weg allerdings können Stationen liegen, die (zumindest heutigen) moralischen und rechtlichen Maßstäben nicht Stand halten: wenn beispielsweise ein ethnologisches Objekt ein koloniales Beutestück war, wenn eine Ausgrabung sich als Raubgrabung entpuppt, oder wenn historische Dokumente aus der enteigneten Sammlung eines jüdischen Gelehrten stammen. Das Wissen darum, selbst wenn es schmerzhaft ist und in manchen Fällen zu einer Restitution führen kann, sollte zum selbstverständlichen Selbstverständnis einer wissenschaftlichen Institution gehören.    

Gilbert Lupfer ist Leiter der Abteilung Forschung und wissenschaftliche Kooperation der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), wo er außerdem das »Daphne«-Projekt für Provenienzforschung, Erfassung und Inventur leitet. Er ist außerplanmäßiger Professor an der TU Dresden und ehrenamtlicher Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg.    

    

2. Themenblock: Sammlungen als Knotenpunkte der Zusammenarbeit

Teamarbeit. Einbeziehung aller Kräfte zur nachhaltigen Nutzung von Sammlungen

Dr. Sandra Mühlenbehrend, Hochschule für bildende Künste Dresden

Universitätssammlungen müssen vielen Aufgaben und Ansprüchen gerecht werden, sie sind vielschichtig und können teilweise auch widersprüchlich sein: als Plattformen für Lehre und Forschung, als Speicherort für wertvolle, oft seltene Objekte, die konservatorischen Auflagen unterliegen, und als Orte der Transparenz der eigenen Institution und wiederum als geschlossene Laborräume für Neues in Begehrlichkeit mehrerer Disziplinen sowie gleichzeitig als öffentlicher Erlebnis- und Bildungsraum. Wie kann diese Vieldimensionalität gelingen und welche Expert*innen bewältigen sie? Welche Kompetenzen und Arbeitsstrukturen sind in den oftmals selbstragenden Projektteams, die als solche auf selbstregulative Prozessgestaltung ausgerichtet sind, wichtig und notwendig? Wie können Sammlungsvorhaben unterschiedlichste Akteure, Ziele, so auch Deutungsmächte und Blickregimes bündeln, um unter geteilter und zentraler Verantwortlichkeit einen Sammlungsraum zu etablieren, dessen Nachhaltigkeit in Lehre, Forschung und ggf. Öffentlichkeit bestehen bleibt?

Dieser Prozess / die Hinführung ist Inhalt des Vortrags in Spiegelung der Neuausrichtung der historischen Anatomischen Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden innerhalb des BMBF-Projekts »Körper und Malerei«, die nur in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bereichen / Gewerken der Hochschule für Bildende Künste Dresden – mit Restaurator*innen, Professor*innen, Studierenden, Werkstätten und Öffentlichkeitsarbeit – bewältigt werden kann.

Sandra Mühlenberend ist Leiterin des BMBF-Projekts »Körper und Malerei. Erschließung, Erforschung und Nutzung der Anatomischen Lehrsammlung und der Gemäldesammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden«.

 

Vom Artefakt zum historischen Prozess. Multidisziplinäre Sammlungsforschung

Prof. Dr. Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz

Archäologische Sammlungen bieten oftmals verborgene Informationen, die in ihrem Ausmaß zu den Zeiten, als sie angelegt wurden, noch gar nicht hätten erkannt werden können. Dies entweder weil die Fragestellung seinerzeit gar nicht aufkam, oder aber die Methoden noch nicht entwickelt waren.

Umso interessanter ist es, mit neuen Ideen und Ansätzen die alten Schätze wieder zu betrachten. Einzelstücke oder ganze Zeitreihen können mit modernen Analysemethoden etwa aus den Bereichen der Materialwissenschaften, der Restaurierung, oder aber auch der Paläoklimaforschung völlig neue Erkenntnisse bringen.

Anhand eines Forschungsprojekts am Römisch-Germanischen Zentralmuseum und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wird im Vortrag gezeigt, wie Sammlungen über die konservatorischen Arbeiten hinaus als neue / alte Informationsquelle dienen und so zu ganz aktuellen Fragestellungen beitragen können.

Detlef Gronenborn ist Konservator am Römisch-Germanischen Zentralmuseum – Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie und außerplanmäßiger Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er leitet verschiedene Forschungsprojekte u.a. zum Neolithikum in Europa und Mittelalter in Afrika mit einem Forschungsschwerpunkt auf der klimabezogenen Sozialarchäologie.

 

Zwischen Wissenstransfer und Citizen Science. Universitätssammlung und Stadtgesellschaft im Dialog

Carolin Krämer, M. A., Institut für Materielle Kultur, Universität Oldenburg

Partizipative Elemente in die wissenschaftliche Arbeit mit Objekten auf der Forschungsebene einzubinden, ist eine Herausforderung in der kustodischen Arbeit. Gleiches gilt für das Anliegen, in der Stadtgesellschaft  Interesse für hochspezifische Sammlungsbestände zu wecken. Gleichzeitig ist der Wissenstransfer an eine breite Öffentlichkeit in den letzten Jahren jedoch zu einem Imperativ von Förderpolitiken geworden. Welche zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Chancen eröffnen neue Beteiligungsformate im Kontext von Universitätssammlungen, welche logistischen und inhaltlichen Grenzen tun sich auf?

Diesen Fragen soll nach einer theoretischen Annäherung an das Themenfeld exemplarisch entlang der Arbeit an der Sammlung Textile Alltagskultur nachgegangen werden. Deren Sammlungsbereich »Kleider und Geschichten« verfolgt einen ethnografischen Ansatz, bei dem die Objektspender*innen in qualitativen Interviews zu individuellen Objektbedeutungen sowie zu Aspekten von Handelsgeschichte und Textilpflege befragt werden. Studierende werden im Rahmen objektbezogener Feldforschung aktiv in den Forschungsprozess einbezogen; durch sammlungsbezogene Ausstellungen werden die Ergebnisse schließlich in die Stadtöffentlichkeit zurückgespielt. Doch für wen der Prozessbeteiligten ergeben sich daraus welche Effekte?

Carolin Krämer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Materielle Kultur der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg und seit 2016 Kustodin der Sammlung Textile Alltagskultur. Derzeit koordiniert sie zudem das Projekt »Universitätssammlungen vernetzen« an der Universität Oldenburg.

 

Abendvortrag

Original digital. Wie sich unser Textbegriff durch die Digitalisierung verändert

Prof. Dr. Sandra Richter, Abteilung Neuere Deutsche Literatur I der Universität Stuttgart
Prof. Dr. Stephan Schwan, Leibniz-Institut für Wissensmedien, Tübingen

Sammlungen und Archive sind mit unterschiedlichen Zuständen von Text vertraut: Es gibt sie in der Form von Notizen, Manuskripten, Typoskripten; Objekte zu ihnen und Texte über sie gesellen sich bei oder sie flankieren ihrerseits Objekte. Der Vortrag fragt am Beispiel vor allem von Goethes „Werther“ nach, wie sich wissenschaftliche Arbeit mit Objekten durch die Digitalisierung wandelt.

Inwiefern wirkt die Aura des Originals auf den Leser oder Betrachter und was passiert, wenn sie entfällt? Was verändert sich durch den Übergang von materiellen zu digitalen Texten? In welchem Verhältnis stehen Original, Digitalisat und TEXI-konforme Texte zueinander? Verstehen wir Texte mit Hilfe von digitalen Methoden besser als zuvor? Inwiefern verändern digitale Werkzeuge unseren Blick auf Texte und Textkorpora? Zerfallen Texte künftig in Netzwerke von Texten? Bedeutet Digitalisierung auch Dekanonisierung, weil viele bislang wenig bekannte Texte nun überhaupt erst und noch dazu leicht zugänglich sind? Entstehen durch die Präsenz im Netz neue Beziehungsnetzwerke und Kooperationen? Und was folgt aus der zunehmenden Arbeit mit digitalen Kopien für die Forschung und Lehre sowie Sammlungen und Archive, die sich professionell mit Texten befassen? Welche Perspektivwechsel ergeben sich durch die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit z.B. zwischen Literaturwissenschaftlern, Informatikern, Psychologen und anderen? Inwieweit sind die Befunde auf andere Sammlungsobjekte übertragbar?

Die Germanistin und Politikwissenschaftlerin Sandra Richter leitet seit 2008 die Abteilung Neuere Deutsche Literatur I der Universität Stuttgart und seit 2014 das Stuttgart Research Centre for Text Studies. Im Januar 2019 übernimmt sie als Direktorin das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Sie arbeitet über Literatur- und Ideengeschichte seit dem 15. Jh., befasst sich mit Rhetorik, Poetik, Ästhetik, Literatur- und Texttheorie sowie empirischer Literaturwissenschaft in digitaler und psychologischer Hinsicht. Sie gewann mehrere Forschungspreise, u.a. den Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Kommissionen; bis 2017 gehörte sie dem Wissenschaftsrat an.

Stephan Schwan ist Psychologe und seit 2004 Leiter der Arbeitsgruppe »Realitätsnahe Darstellungen« am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen sowie seit 2017 stellvertretender Direktor des IWM. In zahlreichen Forschungsprojekten beschäftigt er sich mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden von Darstellung und Wirklichkeit in ihren Konsequenzen für die menschliche Informationsverarbeitung und den Wissenserwerb. Dies umfasst u.a. die kognitive Verarbeitung und das Verstehen von dynamischen audiovisuellen Darstellungen, den Wissenserwerb mit digitalen Karten sowie die Rolle digitaler Medien und authentischer Exponate für das informelle Lernen in Museen und Ausstellungen.

 

Samstag, 15. September, 9:30–10:30 Uhr

3. Themenblock: Sammlungen als Knotenpunkte internationaler und digitaler Netzwerke

160 Millionen Objekte on-line. Naturhistorische Sammlungen als Beispiel der open-access Vernetzung

Prof. Dr. Walter Berendsohn, Botanischer Garten Berlin

Sammlungen in großen naturkundlichen Museen sind primär auf die Forschung ausgerichtet, aber Tiere, Pflanzen, Mineralien und andere geologische Objekte werden auch vielfach als Ausstellungsobjekte eingesetzt. Die Vorhaltung der Forschungssammlungen (europaweit über eine Milliarde Objekte) muss auch über ihre Nutzung gerechtfertigt werden, sowohl als Kulturgut als auch als Forschungsobjekt. Ein digitaler Zugang bedeutet eine enorme In-Wertsetzung dieser Bestände.

Naturkundliche Sammlungsobjekte sind Grundlage für die Benennung und systematische Erforschung der Organismen. Das »Megascience Forum« der OECD stellte daher im Jahr 2000 die Forderung auf, eine »Global Biodiversity Information Facility« (GBIF) zu schaffen, die die Sammlungsdaten zu Organismen weltweit zur Verfügung stellt. Mittlerweise sind in GBIF über 1 Milliarde Datensätze verfügbar, fast 160 Millionen davon beziehen sich auf Sammlungsobjekte. Hierfür wurden Vernetzungstechniken entwickelt, mit denen die Daten aktualisiert in verschiedenen Internetportalen für verschiedenste Nutzer zusammengestellt werden können. Ein Beispiel hierfür bildet die Datenbereitstellung für die europäische virtuelle Bibliothek EUROPEANA durch das OpenUp! Netzwerk.

Der Vortrag gibt einen Überblick über diese Entwicklungen, beleuchtet aber auch die rechtlichen, politischen und soziologischen Probleme einer solchen globalen Infrastruktur und deutet die konkreten Möglichkeiten an, auch nicht-naturkundliche Sammlungen in dieser Form zu vernetzen.

Walter G. Berendsohn ist Direktor und Abteilungsleiter Forschung und Biodiversitätsinformatik am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin, Freie Universität Berlin. Er ist maßgeblich an zahlreichen internationalen Verbundprojekten zur Digitalisierung biologischer Sammlungen beteiligt, u.a. ist er Sprecher der »Global Biodiversity Information Facility« (GBIF) Deutschland.

 

Revisiting Collections. Transformationen in ethnologischen Universitätssammlungen durch das Digitale

Yvonne Zindel, Dipl., Universität der Künste Berlin

Der Vortrag stellt Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt  »Revisiting Collections –Transformationen der Kulturellen Bildung am Beispiel der digitalen Vermittlung von außereuropäischen, ethnologischen Sammlungen« vor, das sich mit dem innovativen Einsatz digitaler Techniken für die Vermittlung (sensibler) Inhalte in Museen und Universitätssammlungen sowie mit den Chancen und Herausforderungen des Umgangs mit Digitalisaten von Ethnografika befasst. Anhand verschiedener Beispiele (Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen, Pitt Rivers Museum der University of Oxford sowie Datenbank »Sharing Knowledge« des Humboldt Lab Dahlem und der Universidad Nacional Experimental del Tauca / Venezuela) untersucht der Vortrag, wie sich Universitätssammlungspräsentationen durch die Nutzung digitaler Techniken transformieren. Die vorgestellten Projekte werden hinsichtlich der Aspekte Umsetzung von Teilhabe, Zugänglichkeit, Transparenz und Wissen(svermittlung) analysiert. Im Zentrum steht die Frage danach, wie sich durch Teilhabe und das Einbeziehen neuer Perspektiven neue Impulse für die Forschung und Lehre ergeben. Anhand der Beispiele wird aufgezeigt, wie sich die Fragestellungen der Wissenschaftler*innen und der Studierenden an die Objekte verändert haben und welche Irritationen sich durch die Zusammenarbeit ergaben.

Yvonne Zindel ist künstlerische Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlinmit einer Forschungsstelle für das Projekt »Revisiting Collections –Transformationen der Kulturellen Bildung am Beispiel der digitalen Vermittlung von außereuropäischen, ethnologischen Sammlungen« im Rahmen des Exzellenzprojekts »DiGiTal – Digitalisierung: Gestaltung und Transformation«.