Ansichtssache! Objektgeschichten aus den Sammlungen

In dieser Rubrik werden in loser Reihe ausgewählte Objekte aus den Sammlungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorgestellt. Die Betreuerinnen und Betreuer der Sammlungen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die an den Sammlungsstücken arbeiten, oder Studierende, die sie in Lehrveranstaltungen kennengelernt haben, berichten über die Geschichte des jeweiligen Objekts, seine Herkunft und den Weg in die Sammlung, seine sich möglicherweise  im Lauf der Zeit verändernde Nutzung und Beschaffenheit,  den Sammlungskontext u.v.m. Diese Objektgeschichten geben spannende Einblicke in die vielfältigen Sammlungsbestände an der Mainzer Universität sowie die Forschung und Lehre mit ihren Objekten.

Die jeweils aktuelle „Ansichtssache“ finden Sie zudem in einer Vitrine im Foyer der Zentralbibliothek auf dem Campus (Haupteingang Jakob Welder-Weg 6). Eine Postkarte zum Mitnehmen  bietet ein Foto und eine Kurzfassung der Erläuterung – so können Sie sukzessive Ihre eigene kleine Sammlung von Objektgeschichten anlegen.

 

 

Stellvertreter für die Ewigkeit – Die Sitzstatue des Metjen

 

                              aus der Ägyptologischen Studiensammlung

Grabstatuen wie diese des hohen Beamten Metjen dienten im Alten Ägypten als Stellvertreter des Verstorbenen, um sein dauerhaftes Weiterleben zu sichern. Als Abbild des Toten waren sie – in der Epoche des Alten Reiches (von ca. 2700-2130 v. Chr.) – in einem speziellen Raum, dem sog. „Serdab“, in der oberirdischen Grabanlage positioniert. Nur ein schmaler Schlitz verband die Kammer mit dem Rest der Anlage, ermöglichte dem Grabherrn so jedoch symbolisch  Opfergaben anzunehmen. Die eigentliche Bestattung fand in einer unterirdischen Kammer statt, die nach der Beisetzung verschlossen wurde, während der oberirdische Bereich des Grabkomplexes zugänglich blieb.

 

Als eine der frühesten uns überlieferten Privatplastiken offenbart die Sitzstatue des Metjen bereits charakteristische Merkmale eines Grundtypus ägyptischer Statuen, der sich über Jahrtausende erhalten wird: In aufrechter statischer Pose sitzt Metjen auf einem kubusförmigen Stuhl oder Hocker ohne Lehne; seine linke Hand ruht flach auf dem Oberschenkel, während die rechte – zur Faust geballt – vor die Brust erhoben ist. Die geschlossenen Beine mit den proportional zu großen Füßen stehen auf der Standbasis der Statue, die nahtlos in den Sitz übergeht. Auch der Kopf, bedeckt mit der für die Entstehungszeit typischen kurzen „Löckchenperücke“, wirkt überdimensioniert, was der Figur einen leicht gedrungenen Charakter verleiht. Eine Besonderheit zeigt der Hocker: Auf dem massiven Block sind zu beiden Seiten Namen und ein Titel des Metjen in Hieroglyphen eingeschrieben, der ihn als „Domänenverwalter“ zur Zeit des Königs Snofru ausweist. Es ist der älteste Beleg für solch beschriebene Sitzseiten.

Die beinahe thronende Haltung und generell das Sitzen auf Mobiliar sind eine Auszeichnung, die nur Höhergestellten und dem Verstorbenen in Darstellungen zustanden. Als hieroglyphisches Zeichen bedeutet der Sitzende auf einem Stuhl „ehrwürdig“ oder „edel“. In dieser Position ist der Verstorbene auch in den Reliefs auf den Wänden seines Grabes abgebildet, wenn er Opfer empfängt. Die vor die Brust erhobene Hand ist eine grüßende Geste und möglicherweise eine Anspielung auf den Unterweltsgott Osiris, den „Herrn der Ewigkeit“, der für Wiedergeburt und ewige Existenz steht. Die Sicherung der ewigen Existenz ist auch die vorrangige Intention ägyptischer Grabstatuen wie dieser. Sie stellen keine Portraits dar, sondern idealisieren bestimmte Merkmale des Menschen innerhalb des ägyptischen Proportionskanons. Persönlichkeit erhielt die Statue durch das Einschreiben der Namen und Titel des Inhabers.

Das Original der Statue befindet sich heute in der ägyptischen Abteilung der Staatlichen Museen zu Berlin, in der die komplette Grabanlage des Metjen ausgestellt ist. 1843 hatte Carl Richard Lepsius den Oberbau des Grabes vom ägyptischen Khediven Mohammed Ali als Geschenk für seinen König, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, erhalten. Zwei Jahre später wurde dieser vor Ort abgebaut und in 127 Blöcken, die für den Transport an der Rückseite ausgedünnt wurden, gemeinsam mit der Statue nach Berlin gebracht. Die in erhabenem Relief gestalteten Inschriften und Darstellungen bieten ein reichhaltiges Dekorationsprogramm, das detailliert Aufschluss über Funktionen und Leben des Metjen gibt. Berühmt ist die Anlage insbesondere für die ältesten ausführlichen Verwaltungstexte und juristischen Dokumente des Alten Ägypten, in denen unter anderem Metjens Erbe väterlicher- und mütterlicherseits sowie die Genehmigung zum Hausbau und seine Belehnung mit Amt und Pfründen geregelt werden.

 

In der Abgusssammlung der Ägyptologie ist die Sitzstatue des Metjen eine der großformatigeren Figuren. Durch die Imitation der Farbgebung des Rosengranits, aus dem das Original gefertigt ist, wirkt sie auf heutige Betrachter jedoch ganz anders als in der Antike: Ägyptische Statuen waren üblicherweise bemalt und möglichst lebensnah ausgestaltet.

 

Dr. Monika Zöller-Engelhardt, Wiss. Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Ägyptologie, Institut für Altertumswissenschaften

Literatur

Fitzenreiter, Martin, Statue und Kult. Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich, 2 Bde., Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie 3, Berlin 2001.

Lepper, Verena, Persönlichkeiten aus dem Alten Ägypten im Neuen Museum, Petersberg 2014.

Settgast, Jürgen (Hg.), Ägyptisches Museum Berlin, Berlin ³1985.

Seyfried, Friederike / Wemhoff, Matthias (Hgg.), Neues Museum Berlin. Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin et al. 2009.

Wildung, Dietrich (Hg.), Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Berlin ²2008.

Wildung, Dietrich, Ägyptische Kunst in Berlin. Meisterwerke im Bodemuseum und in Charlottenburg, Berlin 1998.

Zorn, Olivia / Bisping-Isermann, Dana, Die Opferkammern im Neuen Museum Berlin, Berlin 2011.