Objekt des Monats Juni 2015

Wild oder kultiviert – rot oder weiß?

aus der Archäobotanischen Vergleichssammlung

Der Wein als ein Produkt aus den Früchten der Wein-Rebe ist heute nicht mehr aus unserem Kulturkreis wegzudenken. Er gehört zu familiären und gesellschaftlichen Anlässen, zu Gesprächen und gemütlichem Beisammensein. Gemessen an der Menschheitsgeschichte ist dieses alkoholische Getränk im mitteleuropäischen Raum relativ jung. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt wurde Wein nach Mitteleuropa importiert, allerdings nur für die wirtschaftlich besser gestellte Bevölkerung erschwinglich. Seit römischer Zeit, also vor ca. 2000 Jahren begannen die Menschen in den klimatisch begünstigten Gegenden die Reben anzupflanzen und selbst Wein herzustellen.Traubenkerne einer Kulturrebe (Vitis vinifera), aus der Archäöbotanischen Vergleichssammlung ( Foto: Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz Durch die Zusammenarbeit von Archäobotanik, eine Disziplin, die archäologische Pflanzenfunde analysiert, und Archäologie ist es gelungen, den ältesten Weinbau in Mitteleuropa im Moseltal und in der Pfalz zu lokalisieren. Dort wurden römerzeitliche Kelteranlagen, Traubenkerne und weitere Pflanzenbelege durch archäobotanische Untersuchungen und archäologische Ausgrabungen entdeckt. Dabei ist die Frage nach dem Entwicklungsstand der Reben und Sorten sowie der Farbe der Trauben von hohem wissenschaftlichen Interesse, insbesondere um die Herkunft und Geschichte unserer heutigen Rebsorten zu klären.

Letztere sind über die Traubenkerne nicht unmittelbar zu ermitteln. Einen Unterschied zwischen Wild- und Kultur-Rebe lässt sich allerdings feststellen. Die Kerne der Wild-Rebe, die in den Auenbereichen zwischen Karlsruhe und Mainz natürliche Standorte einnimmt, als Lianengewächs hoch über den Bäumen fruchtet und daher die Trauben für den Menschen nur schwer erreichbar sind, haben eine gedrungene, eher rundliche Form. Kerne kultivierter Reben sind schlanker, eher länglich. Deutliche Anzeichen für die Kultivierung der Pflanze sind sehr kleine, unterentwickelt ausgebildete Rebkerne.

Was erzählen uns die Funde von Traubenkernen aus archäologischen Untersuchungen? Die Kerne werden unter dem Mikroskop bei ca. 10- bis 20-facher Vergrößerung betrachtet und zum Vergleich mit anderen historischen Funden sowie heutigen Kernen vermessen. Eine archäobotanische Vergleichssammlung dient der Bestimmung von Pflanzenresten, die im Kontext von archäologischen Ausgrabungen geborgen werden. Sie ist nach Pflanzenfamilien geordnet und setzt sich zusammen aus Samen und Früchten des Pflanzenartenbestandes in einer Region, wie er dort heute vorkommt. Häufig stammen die Vergleichsobjekte aus Ernten der botanischen Gärten, die für wissenschaftliche Zwecke kleine Mengen abgeben. Diese Vergleichssammlung ist nie vollständig. Bei jeder Untersuchung können noch nicht vorhandene Arten auftreten, sodass sie ergänzt werden muss. Die Sammlung bildet die Basis für archäobotanische Analysen und steht Studierenden im Rahmen der Lehre, für Praktika oder für Abschlussarbeiten zur Verfügung. In die Lehre fließen die neuen Forschungsergebnisse direkt ein.

In archäologischem Kontext muss man bedenken, dass die Kerne von Rosinen stammen oder möglicherweise Reste aus importiertem Wein sein können. Durch die antiken Agrarschriftsteller wissen wir, dass der Weinbau in der römischen Landwirtschaft enormen Raum einnahm. Die Kennnisse über den Anbau, die Pflege der Reben und die Herstellung des Weines kamen im Zuge der römischen Okkupation nach Mitteleuropa. Sogar das Haltbarmachen der frischen Trauben, um sie möglichst lange zur Verfügung zu haben, erfährt in den Agrarschriften ausführliche Aufmerksamkeit. Die Beantwortung der interessanten Frage, ob die Rebstöcke als solche importiert oder aus der Wild-Rebe entwickelt wurden, steckt ebenfalls in den Kernen: die Entschlüsselung der genetischen Information der archäobotanischen Traubenkerne, wie sie von verschiedenen Institutionen betrieben wird, kann hier weiterhelfen.

Dr. Margarethe König

 

Literatur


Margarethe König: Pflanzenfunde aus römerzeitlichen Kelteranlagen der Mittelmosel, in: Karl-Josef Gilles, Neuere Forschungen zum römischen Weinbau an Mosel und Rhein (Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 11), Trier 1995, S. 60-73.

Margarethe König: Pflanzenfunde aus den römerzeitlichen Kelteranlagen in Brauneberg und Piesport-Müstert, in: Michael Matheus (Hrsg.) unter Mitarbeit von Lukas Clemens und Brigitte Flug, Weinbau zwischen Maas und Rhein in der Antike und im Mittelalter (Trierer Historische Forschungen 23), Mainz 1997, S. 53-83

Margarethe König: Eine spätantike Kelteranlage mit „Mehrzweckcharakter“, in: Mainzer Archäologische Zeitschrift 8, 2009, S. 47-50

Margarethe König: Rebsorten in der Antike. Betrachtungen aus archäobotanischer Sicht, in: Patrick Jung und Nina Schücker, Utere felix vivas. Festschrift für Jürgen Oldenstein, Bonn 2012 (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 208), S. 143–157.

Helmut Kroll, Kastanas: Ausgrabungen in einem Siedlungshügel der Bronze- und Eisenzeit Makedoniens 1975-1979. Die Pflanzenfunde, in: Prähistorische Archäologie in Südosteuropa 2 (1983), S. 62-69.

Helmut Kroll: Vor- und frühgeschichtliche Weinreben – wild oder angebaut? Eine abschließende Bemerkung, in: Trierer Zeitschrift 62 (1999), S. 151–153.

Angela Schlumbaum und Laurent Bouby: Auf neuen Wegen zu alten Weinsorten, in: Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau 3, 2012, S. 6–8.